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WM' 98 der Metallsilhouetten-Schützen

 

Erschienen in DWJ 9/98:

Die 3. Weltmeisterschaft im Silhouettenschiessen fand diesmal in Finnland statt. Vom 24. Juni bis 4. Juli 98 kämpften die Schützen in Sipoo, rund 30 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Helsinki um die begehrten Titel.

 

von Guido J. Wasser

Kurz zusammengefaßt: Der Schießstand war schwer wie nie mit tiefstehender Sonne von vorne; das Wetter kalt und regnerisch mit wenig gleißender Sonne und heftigen Gewittern; die Konkurrenz so stark wie nie.

Der Stand machte allen Kopfzerbrechen. Die großzügigen Schützenlager, überdacht von einer stabilen Metallkonstruktion mit computergesteuerten Ansagen konnten nicht über die schießtechnischen Schwierigkeiten hinwegtäuschen. Die Großkaliber- Silhouetten standen auf massiven Metallpodesten vor hellen Sandwällen. Unbedarfte hätten den guten Kontrast gelobt. Die WM-Teilnehmer packte jedoch bald die Ehrfurcht vor den verlockend deutlich zu sehenden Zielen. Gewohnt, die Silhouetten aufsitzend anzuvisieren, verschwanden Kimme und Korn im Dunkel der Podeste und der helle Sand überstrahlte alles. Dazu kam die Schussrichtung gegen Südost. Wenn die Sonne schien, zog sie ihre tiefe Bahn von frühmorgens bis tief in den Mittag hinter den Zielen, unterbrochen von schnellziehenden Wolken. Die Schatten wanderten über die Sandwälle und verwandelten ihr monotones Weiß in wechselnde Zebratarnungen. 

Die vorderen Ziele standen gut zwei Meter unter den Schützen, die Widder dann oben an einem Hang vor einem Mischwald im Gegenlicht. Am Abend endlich, tauchte eine matte Sonne die Silhouetten in sanftes Licht und ließ die Podeste erstrahlen. Glücklich, wer da seinen Start hatte!  

Noch schwieriger bei Kleinkaliber. Auch da die Ziele auf Podesten, aber als Hintergrund eine hellbraune Stoffbahn, bald von Dutzenden von Fehlschüssen gesprenkelt. In diesen Sommersprossen suchten auch Topspotter verzweifelt nach der Trefferlage.

Sami Mäkela, der Kopf der Organisation, hatte auf dem Gelände des Schützenvereins „Sibbo Skytte Gille“ eine perfekte Organisation aufgezogen. Auf 30 ha haben die 900 Mitglieder des 1961 gegründeten Clubs Dutzende von Flintenständen, laufende Scheiben, Benchreststände bis 200 m, unterschiedliche Übungsplätze für Kurzwaffen und natürlich auch für Biathlon. Der breite Silhouettenstand wurde in einen Sumpf gebaut, mit aufwendigen Kieswegen und Deckungen für die Scheibensteller. Die 500 m Bahn für Großkaliber-Gewehre liegt links daneben in einer Waldschneise. Geschossen wird auch hier nach unten.

Speziell zur WM wurde ein elegantes Silhouetten-Clubhaus errichtet, das eine Cafeteria und das Wettkampfbüro mit Waffenabnahme enthält. Modern eingerichtet mit Telefon, Fax, eMail und Internetanbindung. Reichhaltiges Essen gab es nach fünf Minuten Fußmarsch im Hauptgebäude, das sogar Duschen und Sauna ermöglichte. Mannschaften aus Österreich und Tschechien stellten ihre Wohnwagen daneben und hatten einen besseren Service als auf dem Campingplatz. Die meisten Teilnehmer jedoch hatten Unterkunft in Sipoo gefunden, der Stadt des Formel 1-Rennfahrers Mikka Häkkinens, 20 km östlich vom Schießplatz. Auch die finnische Telecom ließ sich nicht lumpen und stellte einen Richtfunkmast mit großem Elektronikbus neben das Clubhaus, um die vielen Handys aus aller Herren Länder zu bedienen.

Und sie kamen dann auch von Australien bis Zimbabwe, den USA, Südafrika und Irland; nur Großbritannien fehlte - wo hätten sie auch trainieren können? Fast ein Drittel aller Teilnehmer stellte der Gastgeber. Das Nachbarland Schweden und die tschechische Republik folgten zahlenmäßig auf den nächsten Plätzen. Der Favorit Frankreich musste sich, beim Kampf um Punkte, der nordischen Übermacht erstmals geschlagen geben. Die finnische Nationalhymne erklang bei der Siegerehrung öfter als die Marseillaise. Finnland stellte von den 10 Kurzwaffendisziplinen sieben Weltmeister, Frankreich drei.

Die vier Gewehrwettkämpfe, Großkaliber bis 500 m, Kleinkaliber bis 100 m - stehend freihändig - dominierte die USA, mit Australien und Südafrika. Sie dürften die meisten Trainingsmöglichkeiten haben, zumindest bei Big Bore. Nur dem Finne Marko Nikko gelang es in die aussereuropäische Phalanx einzudringen.

In der Teamwertung Kurzwaffen siegte Australien bei Großkaliber  vor Frankreich und Finnland, bei Kleinkaliber Frankreich vor Finnland und Südafrika und Feldpistolen-Gold holte das Team der „grande Nation“ vor den „Aussis“ und dem südlichsten Land des schwarzen Kontinents. Daß die Franzosen hier doch noch so gut abschnitten, lag vor allem am sympathischen Elsässer Patric Lacher, der die Manschaft dominierte. Mit fast unglaublichen 39 Treffern von 40 möglichen stellte er einen neuen Weltrekord bei „fieldpistol scoped“ auf. Lediglich einen Widder überschoß er haarscharf. Weniger stolz bin ich auf meinen inoffiziellen Weltrekord, in einem Wettkampf drei Widdern durch das Horn zu schießen - kein Treffer!

 

Waffen

Leider existiert keine waffen- und munitionstechnische Statistik der gut 1200 Starts, da diese Angaben auf der Startkarte nicht erfaßt wurden. Eine finnische Fachzeitschrift machte Umfragen, die jedoch lediglich Tendenzen zeigen. Bei Großkaliber-Serienwaffen ist die jahrelang dominierende Contender- Pistole auf dem Rückzug, nachdem Läufe in 7 TCU, .30 Whisper und K- Hornet aus dem Programm genommen wurden. Zylinderverschlüsse beherrschen die Szene. Die Skandinavier bevorzugen den finnischen Büchsenmacher Lopponen, der Tikka- Systeme in eigene Schäfte einbaut. Spannend das shoot off, wo um die ersten Plätze mit „Loppos“ gekämpft wurde. Weltmeister wurde Rauno Ärväs im Kaliber 7 BR mit einem Punkt vor Esko Lempola im Kaliber 7 GJW, der schon vor vier Jahren in Grasse mit der selben Waffe den selben Platz erreichte (siehe Test in DWJ 9/94). 

Im Kommen sind auch wunderschöne Waffen vom Newcomer Jyri Jalonen, der ein eigenes System aus Alu mit Stahlseele verwendet. Leider ist es so lang, daß die erlaubte Lauflänge um mehr als 2 ¼  Zoll unterschritten werden muß. Die schönste Production- Variante hatte - wie meist - Tony Kelo, mit Szenen aus Lucky Luke Comics. Bei Unlimited stellte Pasi Hakalas Création mit goldfarben titannitriertem Lauf und froschgrünem Hochglanz- Schaft alles in den Schatten. Leider sich selber auch, da die extrem anatomisch gestalteten Bein- und Hüft- Anlagen zur Qualifikation führten.

Erstmals an einem internationalen Wettkampf war das Sardec- System zu sehen, der erste Zylinderverschluss, der nicht vom Gewehr stammt, sondern speziell für Silhouetten-Pistolen entwickelt wurde. Ganz aus einer Titaniumlegierung, wie in der Raumfahrt üblich, wiegt er lediglich ein knappes Pfund und ermöglicht schwere, hochsteife Läufe bis zur maximal erlaubten Länge. Dies dürfte eine deutliche Präzisionssteigerung bringen. Die Top-Waffen liegen bei Preisen von gut 3000 bis 7000 Mark - deutschen, nicht finnischen - wobei die Schweizer Titanentwicklung sich etwa in der preislichen Mitte bewegt. Für Silhouetten- Waffen ist dieses Preisniveau noch ungewohnt, in anderen Schießsportarten jedoch schon Standard.  

Überraschend der massive Einsatz der tschechischen Picra- Pistole, die trotz Zylinderverschluss, Wechselsysteme für alle Silhouetten- Diszipline bietet.  Nicht nur von der Mannschaft aus der C.R, immerhin der drittgrößten, wurde sie eingesetzt, sondern auch andere haben ihre Qualitäten erkannt. Mit rund 2000.- DM ist sie recht preisgünstig und Wechselsysteme inkl. Visierung kosten kaum mehr als ein Wüthrich-Lauf. Auch die edle Schweizer Kipplaufpistole von Wüthrich war mehr vertreten als je und wird in Skandinavien „Swiss Contender“ genannt. 

Für Insider überraschend der Einsatz eines KK-Revolvers aus Brünn (Brno). Bei näherem Hinsehen entpuppte er sich jedoch als die im Westen recht seltene .22er-Ausführung des legendären Sportrevolvers ZKR-55 mit 10 Zoll-Lauf. Da dieser schon seit Ende der 50er Jahre gebaut wird, bestanden keine Zweifel am Status einer Serienwaffe. Seine Verarbeitung ist sprichwörtlich und er soll vom Nachfolger der Zbrojovka Brno (Waffenfabrik Brünn), Winston Sport Brno, bald für moderate 2000.-DM angeboten werden. Eine Alternative zu Freedom Arms und Weihrauch. Pikanterweise verzeichnete die C.R.- Mannschaft jedoch die meisten Revolver-Starts aller Teams mit dem Weihrauch.

Erste Konstruktionszeichnungen eines tschechischen Großkaliber-Revolvers waren nur unter der Hand zu sehen. Um auf allen Distanzen im Überschallbereich zu bleiben, was Präzision und Windempfindlichkeit deutlich verbessert, wird eine dazu entwickelte unkonventionelle 308er-Patrone benutzt. Ivo Picek und Sam Goldstein sollen beteiligt sein; erste Exemplare sind schon zur nächsten Saison geplant.

Organisatorisch klappte alles perfekt. Die Starts waren pünktlich und Entscheidungen der Wettkampfrichter meist schützenfreundlich. Dass die Startgebühren bei 80.- DM lagen, wurde dann auch akzeptiert; das Abschlussbüffet genauso hoch anzusiedeln und den Kaffee zusätzlich zu berechnen, führte zu Unmut. Als dann die Küche das Büffet nur spärlich bestückte und maximal zwei Becher Bier dazulieferte, feierten viele anderswo weiter. Schade!    

Dass der Matchdirektor noch Zeit zum Schießen fand, überraschte, sein Weltmeistertitel in beiden Revolver-Disziplinen wurde dann mit frenetischem Beifall bedacht! Zwei erste Plätze in der Einzelwertung erreichte nur noch Patric Lacher, der zusätzlich noch im KK-Aggregat, und in den Mannschaftswertungen bei Kleinkaliber und Feldpistolen Gold holte. Damit war er der erfolgreichste Kurzwaffen-Schütze dieser WM.

 

Bildzeilen:

1. Der KK-Revolver von Winston Sport Brno, erreichte beim ersten Einsatz einen beachtlichen vierten Platz. Er beruht auf dem ZKR 55: „Zbrojovka Brno“ (Waffenfabrik Brünn) des Konstrokteurs „Koucky“. Das „R 55“ steht für „Revolver von 1955“

2. Ivo Picek mit der von ihm gebauten Picra SP-96.

3. Die Notizen von Esko Lempola für´s shoot off.

4. Das 10jährige Bestehen der Metall Silhouetten Schützen Schweiz fiel mit der 3. WM zusammen. Ein Grund für Victorinox, eine auf 60 Exemplare begrenzte Sonderserie des großen Offiziersmessers „Swiss Champ“ herauszugeben.

5. Titan-Verschluß und -Abzug mit schwingungsoptimiertem Lauf bei der Sardec-Pistole

6. High-Tech: die Sardec-Pistole mit Zylinderverschluß aus Titanium

7. A. Lopponen mit Production- und Unlimited-Pistole.

8. Der Autor mit der gut 7000 DM teuren Loppo 2000.

9. Loppo 2000 mit aufwendiger Abzugs-Verlegung.

10. Patric Lacher, der erfolgreichste Franzose mit einer Picra SP-96 in seinem typischen „Wasser-Anschlag“. Mit Gewehrglas ist er noch näher am Auge.

11. Patric Lacher, der erfolgreichste Schütze mit seiner Excalibur im Kaliber 7 GJW.

12. Die favorisierte französische Mannschaft mußte bei der skandinavischen Übermacht Federn lassen.

13. J. Jalonens Gewehrsystem mit Abzugverlegung für Silhouetten-Pistole

14. Die 500 m lange Schneise für die Gewehrschützen. Geschossen wird hier stehend freihändig!

15. Esko Lempola, der zweifache Viceweltmeister bei Serienwaffen, hier im Stechen mit seiner Loppo 7 GJW.

16. Weltmeister bei Serienwaffen Rauno Ärväs mit seiner Loppo 7 BR (links) nach dem spannenden Stechen mit Viceweltmeister Esko Lempola mit einer Loppo 7 GJW.

Pasi Hakalas wunderschöner Unlimited-Eigenbau wurde disqualifiziert. Mit seiner Production-Pistole wurde er noch Stehend-Weltmeister und dritter bei KK-Serienwaffen.