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WM der Metallsilhouetten-Schützen 98 

  

Erschienen in Caliber 9/98:

Trends und Absonderliches

Auf dem grössten finnischen Schiessplatz, 30 km nordöstlich von Helsinki, fand vom 24. Juni bis 4. Juli 1998 die Weltmeisterschaft der Silhouetten-Schützen statt. Mit KK-Pistolen und Revolver wurde bis 100 m, mit Grosskaliber bis 200 m und mit ZF-Gewehren bis 500 m geschossen - stehend, freihändig!

Die Fahrt dahin war schon ein Abenteuer: Mit dem Zug (und voller Ausrüstung für 2 Wochen) bis Rostock. Dort traf ich einen Freund mit dem Bus und ab gings mit der Fähre nach Trelleborg. Nach 700 km durch Schweden mit der nächsten Fähre nach Turku und nach zwei Tagen kamen wir rechtzeitig auf dem Schiessplatz von Sipoo an.

In Finnland herrscht moskauer Zeit, doch mein Funkwecker liess sich davon nicht beirren. Kurz hinter Rostock strafte er stoisch die Werbung „max. 1 Sekunde Abweichung in 100 000 Jahren“ Lügen, und hinkte eine volle Stunde hinter der Ortszeit her. Natürlich ist diese Werbung auch sonst unsinnig, denn allein im letzten Jahrzehnt mussten die Atomuhren um rund eine Sekunde korrigiert werden - die Gestirne halten sich eben nicht an unsere Vorgaben. Also stellte ich eben den Wecker immer eine Stunde früher, denn in Skandinavien fand er keine Funkstation, die Zeit für ihn hatte.

Wir hatten Deutschland im Regen verlassen. Dort kam jetzt endlich schönes Wetter - vom Norden her. Dicke Wolken brachten wir mit; an der WM gab es kaum einen Tag ohne kräftigen Guss und dies nicht nur in der Sauna.

Zur Eröffnung schien allerdings die Sonne. Sami Mäkelä und seine vielen Helfer hatten ganze Arbeit geleistet. Auf dem grössten Schiessgelände Finnlands mit 30 ha Fläche hatten sie eine perfekte Silhouetten-Anlage aus dem Sumpf gestampft. Die Wege zu den Zielen als dickes Kiesbett, die Silhouetten auf massiven H-Trägern aus Stahl und bei Grosskaliber weisse Sandwälle dahinter. Die schwarzen Figuren standen klar und deutlich vor dem hellen Hintergrund und sollten leicht zu treffen sein. Dachten wir erst. Dann kamen uns doch langsam Bedenken: Silhouetten werden aufsitzend anvisiert, aber darunter waren die dunklen Träger. Da die tiefstehende Sonne fast den ganzen Tag von vorne kam, lag alles unter den Viechern im tiefsten Schatten. Auch der Sand wirkte nur bei diffusem Licht gleichmässig. bei Gegenlicht sah er aus wie ein Zebrafell. Dazu kamen noch schnell fliegende Wolken, die für wechselnden Kontrast sorgten. Ich schoss dann im Wettkampf selten an einem Tier vorbei, aber öfter drunter und drüber. Auch das Wetter ging drunter und drüber. Von gleissender Sonne, die zu abenteuerlichen Sonnenblenden an den Schirmen der Mützen animierten, bis zu heftigen Gewittern, welche die Schützen beim KK-Stechen mit Gischt eindeckten.

Zuflucht vor dem Wetter bot das eben fertig gewordene Silhouetten-Clubhaus in elegantem Landhausstil. Während der Wettkämpfe war darin eine Cafeteria und die Waffenabnahme und Auswertung untergebracht. Fünf Minuten - zu Fuss - entfernt, bot das grosse Clubhaus des „Sibbo Skytte Gille“  gute Verpflegung an einem Dutzend Tischen. Daneben hatte die Telecom einen Übertragungswagen mit Funkmast für Handys hingestellt.

Von den gut 1200 Starts stellten die Finnen die meisten, zahlenmässig folgte dann das Nachbarland Schweden und erst dann kam die C.R., Frankreich etc. Vertraut mit dem schwierigen Stand, lagen die Gastgeber auch bei den Ergebnissen vorn und stellten bei den 10 Kurzwaffendisziplinen 7 Weltmeister. Die restlichen drei gingen an die hoch favorisierten Franzosen, davon allein zwei an den fröhlichen Elsässer Patric Lacher, der mit unglaublichen 39 Treffern bei „Feldpistole mit Glas“ einen neuen Weltrekord aufstellte. Alle Medaillen der vier Gewehrdisziplinen errangen die USA mit Australien und Südafrika. Als einziger Europäer konnte da der Finne Marko Nikko mithalten. Faszinierend, zuzuschauen, wie es nach dem Schuss bei Grosskaliber Sekunden dauerte, bis das Zerplatzen des Projektils auf dem Ziel hörbar wurde, wenn die Silhouette schon längst verschwunden war. 500 m stehend freihändig ist nicht leicht, auch für die Weltbesten nicht! So erreichten dann die Sieger grad mal 31 Treffer von 40 möglichen.

Die früher dominierende Contender-Pistole war nicht mehr so viel anzutreffen. Nachdem Thompson/Center die Läufe in 7 TCU, .300 Whisper, K-Hornet etc. aus dem Programm genommen hat und die 7 BR nur für die neue Encore anbietet, ist die „Swiss Contender“, die Kipplaufpistole von Wüthrich, im Kommen. An der WM wurde sie mehrheitlich in 7 GJW und K-Hornet geschossen. Pech für einen Schützen, der damit 40 schoss und im Stechen feststellte, dass er nicht alle Thuner Hülsen kalibriert hatte. Nach perfektem Start konnte er zwei Patronen nicht laden - aus der Traum!

Noch nicht so erfolgreich, aber überraschend viel vertreten war schon die tschechische  Picra- Pistole. Noch kein Jahr als Serienwaffe zugelassen und schon gut zwei Dutzend Starts damit, war erstaunlich (siehe auch Caliber 6/98). Das höchste - und etwas seltsame - Ergebnis schoss jedoch keiner der 20 tschechischen Schützen. Ein Ungenannter traf mit 37 Schüssen 37 Silhouetten und verfehlte dann die letzten drei Widder. Einen davon schoss er durch das  5 cm kleine Loch unter dem Horn. Auf 200 m eine passable Leistung, aber kein Treffer. Stehend und danach mit dem KK-Revolver wiederholte er diesen ungewollten Fehlschuss und erhielt vom Chief Range Officer für den inoffiziellen Weltrekord einen Blindenstock.

Die vielen finnischen Schützen schossen meist Pistolen von Loppo, die auf Zylinderverschlüssen von Tikka basieren. Wunderschön die polierten Schäfte aus finnischem Birkensperrholz. Trotz hoher Festigkeit liegt deren spezifisches Gewicht noch unter 0,6. Komplette Pistolen erhält man bei A. Lopponen ab 3000.- DM, sein bestes Stück liegt über 7000.- DM. Noch kaum bekannt ausserhalb Skandinaviens ist der junge Büchsenmacher Jyri Jalonen, dessen einfachstes Modell zwar teurer als bei Loppo ist, jedoch noch nicht in dieser Preisspanne residiert. Er benutzt ein eigenes System mit einer Stahlseele unter einem Alu-Mantel. Da dessen Länge für Langwaffen konzipiert ist, kann er - trotz vorverlegtem Abzug - die maximal erlaubte Lauflänge nicht ausnutzen und verliert gut 2 ¼ Zoll. Dies nutzt er für einen recht steifen Lauf, der wenig schwingen dürfte. Der einzige Ausländer, der Franzose Jean-Claude Bonnet, traf damit alle Silhouetten. Mit der 6 mm BR fällte alle Widder, die hier optimal am Kippunkt standen. Tony Kelo traf zwar nicht alle, hatte jedoch - wie meist - die schönste Ausführung mit haarfeinem Airbrush.

Erstmals auf einem grossen Wettkampf war die Sardec- Pistole zu sehen. Zwar noch mit einem zu schweren Schaft für Production, aber dies soll jetzt Mac Millan lösen, da ein deutscher Hersteller mehr als das halbe Gesamtgewicht für den Schaft beanspruchte. Die notwendigen 350 g wären sicher auch mit Holz zu lösen. Interessant ist das System, das nicht für ein Gewehr, sondern speziell für Silhouetten-Pistolen entwickelt wurde. Trotz seinen fingerdicken Wänden wiegt es nicht mal ein Pfund und ermöglicht, die maximalen 10 ¾ in. Lauflänge der Production- Disziplin voll auszunutzen. Des Rätsels Lösung liegt im Werkstoff, einer Titaniumlegierung für den Weltraum - hochfest und grad mal halb so schwer wie Stahl. Leider ist dieses Material nicht nur sehr teuer, sondern auch schwierig zu bearbeiten, vor allem, wenn jedes Teil aus dem Vollen gearbeitet ist. Interessant die niedrige Visierlinie mit integrierter ZF-Schiene und darin eingearbeitetem Visier. Nicht nur die Verschlusshülse, sondern auch das Schloss und sogar der Kimmenschutz sind aus Titanium, teilweise mit Nitriden beschichtet, wie bei Präzisionswerkzeugen. Die Unlimited- Version ist auf gelbe WBK zu haben und soll kaum mehr als eine schöne Jalonen kosten.

Auch bei Revolvern tat sich was. Die tschechische „Wheelgun“ nimmt langsam Gestalt an. Konstruktionszeichnungen waren schon zu sehen. Was die Gerüchteküche schon länger vermutete, sah man jetzt auf den Plänen. Die Basis ist ein fünfschüssiger Single Action mit linksseitiger Ladeklappe. Die lange Trommel könnte SuperMag- Patronen aufnehmen, ist jedoch für eine neue Patrone vorgesehen. Deren Geschoss soll sich bis 300 Meter mit Überschall fortbewegen und das Öffnen der Streukreise an der Schallmauer verhindern. Obwohl die Konzeption auf einer Flaschenhülse basiert, soll das Geschoss nicht durch den Rückstoss herausgezogen werden; ein Problem, das konventionelle Flaschenhülsen in Revolvern haben. Schon nächstes Jahr sollen die ersten Exemplare im Wettkampf auftauchen.

Völlig unerwartet tauchte ein perfekt verarbeiteter Revolver für die Kleinkaliber-Disziplinen auf. Die Waffenkontrolle hatte erst Mühe, ihn einzuordnen. Schliesslich stellte es sich heraus, dass der Hersteller „Winston Sport, Brno“, der Nachfolger der Waffenfabrik Brünn (Zbrojovka Brno) ist und den ZKR-Revolver des Konstrukteurs Kouký von 1955 wieder aufgelegt hatte. Die IMSSU liess diese Alternative zu Freedom Arms und Weihrauch zu, und ich bin gespannt, wann diese seltene Variante mit 10“-Lauf im Westen häufiger auftaucht. Preislich schätze ich rund 2000.- DM; nicht zu viel für das perfekte Finish.

Neben der WM waren weitere Exoten zu sehen. Das neue Silhouetten-Gewehr von Lopponen im Kaliber .308 konnte ich auf einer Versuchsbahn schiessen. Diese „Loppo Master“ ist nicht nur ideal ausbalanciert, sondern auch wunderschön gearbeitet. Die Konstruktionen von Asepaja Helenius aus Salo konnten nur auf einer 1000 Yard-Anlage bei  Lahti geschossen werden. Der Silhouetten-Stand hätte wohl für seinen Stutzen im Kaliber „.375 x 53 R“ noch gereicht. Bei der „.50 x 67 Helenius“, deren 450 gr.-Geschoss aus einem Brünner-System ZKK-602 mit 600 mm-Lauf eine Energie von gut 7200 Joules erreicht, war er überfordert. Diese wurde von der „RK 97“ im russischen Kaliber 12,7 x 108 in den Schatten gestellt. Ganz mutige wagten sich an ein Gewehr von 14 Kilogramm, welches Patronen im Kaliber 20 mm verschiesst. Dessen Lauf und Verschluss gleiten im Schuss nach hinten und werden von einem PKW-Federbein im Hinterschaft abgebremst, um die extreme Rückstossenergie abzumildern. Wer glaubt, dies sei „Ende der Fahnenstange“, hat die beiden Derringer im Kaliber .50 (12,7 mm) und 20 mm von Büchsenmacher Helenius noch nicht gesehen. Demonstriert wurden sie von einem finnischen Silhouetter mit dem bezeichnenden Namen Herkules Härkönen. Um den umwerfenden Rückstoss noch einigermassen zu überstehen, wurde die Hülse gekürzt und ein Geschoss aus Alu benutzt. Trotzdem riss der Nussbaumschaft in Längsrichtung und Probeschiessen war nur nach dem Wettkampf möglich, da danach ruhiges Halten irgendeiner Waffe nicht mehr möglich war. Momentan arbeitet Helenius an einem 30 mm Gewehr und überlegt sich, einen entsprechenden Derringer zu bauen...

Da diese 3. WM des Weltverbandes IMSSU mit dem 10jährigen Jubiläum des Schweizer Silhouetten-Vereins MSSS zusammenfiel, brachte Victorinox, der Hersteller des schweizer Offiziersmessers, eine Sonderedition heraus. Es lehnt sich an das „Swiss Champ“ mit seinen 30 Funktionen an und ist mit Sonderschalen ausgestattet. Diese zeigen einen Silhouetten-Schützen in der Creedmore- Position und den Schriftzug der Weltmeisterschaft als Metalleinlage in den roten Schalen. Die meisten der limitierten 60 Exemplare übernahmen die WM-Teilnehmer; lediglich sechs Stück sind noch zu haben und werden durch die Redaktion nach Gebot (ab 150.- DM) vermittelt.

Die nächste Weltmeisterschaft findet im Jahre 2000 in Australien statt; parallel zu den olympischen Spielen. Davor findet noch die EM statt, die im Sommer nächsten Jahres vom BDS in Baumholder ausgerichtet wird.

 

Bildzeilen

 1. Die Sardec-Pistole mit Titanverschluss; hier hinten in der Unlimited-Ausführung, jedoch schon mit Production-Lauf.
 
2. Der tschechische KK-Revolver aus Brno soll bald auch in den Westen kommen.
 
3.Das Schweizer Messer zur WM in einer limited Edition von nur 60 Stück weltweit.
 
4. A. Lopponen mit seinem neuen Silhouettengewehr.
 
5. Lopponens teuerste Silhouetten-Pistole: die Super 2000; hier Verschluss mit aufwendigem Abzug-Extender.
 
6. Die Pistole der Production-Disziplin von Jiri Jalonen.
 
7. Zwei Patrone .50 x 67 H - mit und ohne Rand. Als Vergleich dazwischen eine 7 GJW.
 
8. Asepaja Helenius, der Büchsenmacher mit Hang zum Gigantischen.
 
9. Das Helenius-Gewehr RK-20 für 20 mm-Geschosse mit Rohrrücklauf, gebremst durch ein PKW-Federbein.
10. 20 mm-Geschosse für Gewehr und Patrone für Pistole. Daneben die .50 x 67 H mit und ohne Rand. Dazwischen
      eine 7 GJW.
11. Helenius-Derringer im Kaliber .50 und 20 mm.