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7 mm never Shot

Metallsilhouetten-Schiessen ist eine dynamische Sportart. Mit Pistole und Revolver werden Stahlplatten in Tierform umgeschossen. Die Distanzen reichen von 50m bis 200m. Durch hohe Energie- und Präzisions-Anforderungen werden fast ausschliesslich Spezialpatronen benutzt. Dabei gibts einige Überraschungen...

Beim Wettkampf der Metallsilhouetten-Schützen in Mailly le Camp hatte ein Teilnehmer ein seltsames Erlebnis. Er startete mit seiner Contender- Grosskaliber- Pistole im bekanntesten Kaliber dieser Disziplin, der 7mm TC/U.

Diese Patrone ist erst seit kurzem und nur in Frankreich von Giat erhältlich. Die Entwicklung geht auf den kürzlich verstorbenen Begründer des Metallsilhouetten-Schiessens und IHMSA-Präsidenten Elgin T. Gates zurück. Er weitete Ende September1975, nach dem ersten Silhouetten-Match in Tucson, Arizona, die Hülse der US-Militärpatrone .223 Remington (5,6 mm) für 7mm-Geschosse auf.

Beim ersten Abfeuern (Feuerformen) dieser Ladung im sogenannten 7mm/.223 Lager legt sich die Hülse den Konturen des Patronenlagers an und kann anschliessend für präzise Wettkampfmunition benutzt werden. Schon bald gehörte sie in der "Unlimited"- Klasse zum Standard.

Ab 1980 baute Thomson/Center serienmässig Läufe in diesem Kaliber für ihre Kipplaufpistole Contender und nannte dies 7mm TC/U. TC als Firmenkürzel und

U für Wes Ugalde, einen befreundeten Büchsenmacher.

Dieser neue Name ärgerte zwar Elgin T. Gates, und er nannte sie weiterhin 7mm/.223. Trotz dieser wirren Bezeichnung wurde die Patrone die erfolgreichste Patrone im Metallsilhouetten-Schiessen.

Doch zurück nach Mailly le Camp. Rainer Bergfeld, ein deutscher Teilnehmer, hatte seinem Teamkameraden Ulli Gnilka diese Patronen geladen. In Deutschland braucht's dazu einen Wiederladeschein (weshalb eigentlich Wieder...?), und den hatte nur einer der beiden. Mangels genügend fertiger Hülsen benutzte er auf die kürzeste Distanz von 50 m Feuerformladungen. Die Präzision reicht da allemal.

Der Wettkampf begann. Ulli schob die erste Patrone ins Lager, schoss und zog die Hülse mit fertig geformter Schulter aus dem Lager. Der Rückstoss ist ganz beachtlich; die Pistole zeigt nach jedem Schuss steil nach oben.

Beim dritten Schuss bleibt der Rückstoss aus, es macht nur 'puff', die Waffe ruckt leicht. Ulli öffnet den Verschluss, das Zündhütchen fällt heraus, aber die Hülse bleibt drin. Im ersten Moment flucht er über Rainer: "Hat der Kerl doch das Pulver vergessen!" Aber weshalb bleibt dann die Hülse im Patronenlager? Der Auszieher packt nicht mehr, also hilft nur noch der Putzstock!
 

Eine neue Form - ungewollt

Was dieser zutage fördert, bringt auch Patronen- Spezialisten zu ungläubigem Staunen. Nicht die abgeschossene Hülse liegt vor uns, sondern eine völlig neue Patrone. Da wo die perfekt geformte Schulter sein sollte, zieren zwei Ringe wie ein Faltenbalg die Hülse, und ein Segment des Auszieherrandes fehlt einfach.

Wie das? Erst nach Reinigen der russigen Zündglocke dämmert's. Das Zündloch fehlt! Die Stanze in der Fabrik hat zwar etwas Material eingedrückt, aber der Zündkanal zum Pulver fehlt.

Also muss die "7mm Never Shoot" so entstanden sein: Der Schlagbolzen schlägt aufs Magnum-Zündhütchen. Dieses zündet und entwickelt Druck. Der Zündstrahl trifft auf eine massive Wand. Der Druck wird so hoch, dass der Hülsenboden nach vorne beschleunigt wird. Die freiwerdende Energie überwindet den Auszieher, der den Hülsenrand abreisst.

Das Geschoss liegt auf den Feldern des Laufes auf, wird in die Hülse zurückgeschoben und verklemmt sich mit dem Hals, der über's maximale Lagermass hinausgeschoben wird. Vorne steht die Hülse also still. Der Boden schiebt weiter nach vorn, und die dünne Schulter wird wie ein Balg zusammengeschoben. Die Zündglocke weitet sich, das Zündhütchen fällt heraus. Die Gase haben genügend Raum und verpuffen aus der auffedernden Waffe. Das war's dann.Der gesamte Vorgang dauert nur einige zehntausendstel Sekunden.

Aber denken wir weiter, an den GAU, den grössten anzunehmenden Unfall:
Der Stossboden ist jetzt rund 5 mm von der Patrone entfernt; der Verschlussabstand also 50mal grösser als das Beschussamt toleriert. Durch die Verformungswärme an der Schulter, einen Riss in der Zündglocke, oder sonst eine Gemeinheit, zündet jetzt die Treibladung. Das Geschoss ist im Hals festgecrimpt, und das Innenvolumen der Hülse deutlich reduziert.
 

Zerreissprobe

Die "7 TCU" ist meist bis an den Kragen voll mit schnell brennendem Pulver. Nur so kann das 150 grains- Geschoss bei den kurzen 10"-Läufen auf 550-600 m/s beschleunigt werden. Obwohl das Geschoss schnell startet und noch etwas Luft als Puffer in der Hülse ist, treten recht hohe Drücke auf.

In unserem Fall ist jedoch die Hülse gestaucht. Dies ergibt eine Pressladung ohne Luftreserven, und das Projektil ist eingeklemmt. Beim Zünden steigt der Druck weit über die üblichen 3000 bar. Der Faltenbalg wird gestreckt, der Hülsenboden nach hinten beschleunigt. Mit richtig schönem Anlauf kracht er gegen den Stossboden der Waffe.

Die Verriegelung ist dem Schlag nicht gewachsen und reisst auf. Jetzt hat der Druck rund 10.000 bar erreicht. Das Geschoss hat sich losgerissen und rast durch die Züge, der Verschluss explodiert, Hülsensplitter fetzen aus der Waffe...

Und was ist die Ursache? Ein winziger Fehler an der Stanze beim Hülsenhersteller IMI und eine verschlafene Kontrolle. Seither reibe ich die Zündkan„le schon vor dem Feuerformen auf Nennmass auf. Man weiss ja nie, ob wieder mal einer schläft...

Vermeiden kann man solche Pannen auch anders. Man nehme keine neuen, teuren ausländischen Hülsen, sondern GP-90, wie sie aus dem neuen Sturmgewehr herausfallen. Das ist besseres Messing-Recycling als Einschmelzen, und die Qualität ist hervorragend.

Ein Bedarf dürfte noch kaum da sein. Ich kenne in der Schweiz nur wenige Metallsilhouetten-Schützen; international sind's ganze fünf! Auch wenn dieser Sport dem "Volk von Schützen" noch unbekannt ist; medienwirksam ist es schon, mit Pistole und Revolver auf Stahlsilhouetten von 50 - 200 m zu schiessen - und das unter Zeitdruck. Da sieht jeder sofort, wer an der Spitze liegt. Was umfällt, ist getroffen; wo's nur staubt, sind nicht grad die Besten. Später mehr über diese interessante Sportart.

Zum Abschluss der "7mm TC/U": In den IHMSA- News, dem internationalen Verbandsblatt der Metallsilhouetten- Schützen, erschien kürzlich ein Rück- und Ausblick auf diese erfolgreichste Patrone der Disziplin. Der Autor fand einige Mängel und plädierte für einen Nachfolger mit identischem Stossboden, aber mehr Pulverraum etc.

Er kannte offensichtlich die 7 x 49 GJW noch nicht. Diese neueste Création entspricht genau seinen Theorien und die gibt's auch mit Rand für die Contender. Sie ist in der europäischen CIP gelistet, sowie in Anlage 3 der deutschen Waffenverordnung aufgenommen. Dass GJW meine IInitialen sind, ist allerdings nicht ganz  zufällig...                 

Guido J. Wasser

Leistung einiger typischer Metallsilhouetten-Patronen 

Patrone

Geschoss

V0
(m/s)

E0
(Joules)

E200
(Joules)

Impuls
(lbfps)

Rückstoss
(J)

.357 Magnum

158 grs.

450

1040

  420

0.6

  9

.357 SuperMag

200 grs.

490

1560

  770

0.85

17

.44 Magnum

240 grs.

430

1440

  650

0.83

19

.445 SuperMag

250 grs.

580

2730

1260

1.27

34

7 BenchRest

150 grs.

580

1630

1230

1.10

13

dito, 200m-Ladg.

168 grs.

620

2100

1620

1.30

20

7 TCU

140 grs.

580

1530

1110

0.95

12

Dito, 200 m-Ladg.

154 grs.

620

1920

1450

1.15

18

7 GJW

150 grs.

600

1750

1310

1.15

14

Dito, 200 m-Ladg.

168 grs.

670

2440

1865

1.43

22

 

Bildunterschriften:

Aufmacher:  Die 7mm NeverShoot; eine fertige 7mm TC/U und die Randversion der 7GJW (v.l.n.r.).

  1. GP 90 Hülse, aufgeweitet und bereit zur Feuerformung;
  2. Der Boden der Basishülse mit fehlendem Zündloch und abgerissenem Rand.
  3. Das Zündhütchen feuert die Hülse nach vorn. Der Auszieher reisst den Rand ab;
    die Schulter wird gestaucht und blockiert das Geschoss.
  4. Die Ladung zündet, die Hülse wird gedehnt. Der Hülsenboden sprengt den
    Verschluss und das Geschoss reisst sich los.