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Wildcats

Auf die Langdistanzen beim Grosskaliberschiessen wird in dieser Sportart selten Serienmunition verwendet. Die Anforderungen von Jagd und Militär sind genau entgegengesetzt. Im professionellen Bereich ist ein Schock durch hohe Auftreffgeschwindigkeit erwünscht. Zur Verteidigung wird zwar das Gegenteil, eine hohe Stoppwirkung bei notfalls stark reduzierter Präzision gefordert
Beim Silhouettenschiessen ist ein hohes Knock- Down, also auch Stoppwirkung, jedoch bei geringem Streukreis gefordert. Trotz der hohen Zielenergie dürfen die Stahlziele höchstens ein Viertel ihrer Dicke - also ca. 3 mm - eingedellt werden. Meine ersten Versuche mit der Schweizer Militärmunition GP-90 ergaben bei weichen Stahlsorten glatte Durchschüsse, ohne dass die Silhouette umgeworfen wurde. Die Geschossenergie wurde nicht im Ziel, sondern erst dahinter abgegeben. Weitere Versuche zeigten dann, dass die Penetration fast ausschliesslich von der Geschoss-Geschwindigkeit und nur sehr gering von dessen Aufbau abhängig ist.

Grob kann gesagt werden, bei einer V0 von:

500 m/s Keine Markierung auf den Silhouetten
550 m/s: Gut sichtbare Bleidelle von kaum messbarer Tiefe
600 m/s: Deutliche Delle von ca. 1,5 mm Tiefe im weichen Stahl. Bei Wettkampf- Silhouetten noch keine Delle.
650 m/s: Die höchste V0 für Übungsziele. Delle ca. 2.5 - 3mm.
Bei Wettkampf-Zielen, Eindruck auch schon sichtbar (ca.1 mm)
700 m/s: Die Grenze für Wettkämpfe.
Weiche Übungssilhouetten werden beschädigt.Im Krater von ca. 1 cm Tiefe steckt der Geschossmantel und die  Silhouette ist nach hinten ausgebeult.

 

Interessanterweise treten diese Effekte unabhängig von der Scheibenentfernung auf.
Das Paradoxon klärt sich jedoch einfach. Das Hühnchen auf 50 m wird zwar mit der höchsten Geschwindigkeit getroffen, weicht jedoch durch seine geringe Masse noch vor der völligen Stau­chung des Geschosses aus und wandelt einiges in Bewegungsenergie um. Zusätzlich ist es rund 30 % dicker als z.B. der Truthahn und setzt somit einem Durchschuss mehr Widerstand entgegen.

Auch fliegt das Geschoss in 50m Distanz noch mit deutlicher Nutation und trifft somit nicht senkrecht aufs Ziel. Der dünnere Truthahn steht zwar dreimal so weit von Schützen entfernt, hat jedoch durch seine grössere Fläche rund die 4-fache Masse und nimmt fast die gesamte Geschossenergie auf. Da diese durch die Luftreibung deutlich reduziert ist, heben sich die beiden Effekte annähernd auf.

Jeder Spotter wird mir aus leidvoller Erfahrung beipflichten:

Einen Treffer beim Truthahn sieht man als hellen Punkt, bevor er vom Ständer fällt; das Huhn jedoch wirbelt so durch die Luft, dass man meist nicht mal erkennt, ob es links oder rechts getroffen wurde.

Diese Effekte sind vor allem bei den Pistolenkalibern interessant, denn welches Revolvergeschoss überschreitet schon 600 m/s ? Die Revolverkaliber haben zwar meist weniger Energie, aber eine grössere Fläche als ein 7 mm-Geschoss, um die Figuren zu fällen. Der Unterschied zwischen 7 mm und .44 ist ein Flächenverhältnis von rund 1 : 2,5 ! Da haben also die dicken Kaliber einen Vorteil. Auch die Einwirkungszeit eines Geschosses auf die Scheibe ist wichtig für ein sicheres Umwerfen. Wer schon mal mit blosser Faust hart gegen den Widder geboxt hat, kennt die schmerzvolle Erfahrung, dass dieses plattfüssige Monster sich dadurch nicht beeinflussen lässt. Einem langsamen Stoss mit viel weniger Kraft kann er jedoch nicht widerstehen. Arbeit ist eben Kraft mal Zeit! Auch dieser Effekt spricht anscheinend für die langsamfliegenden schweren Revolverprojektile.

Aber hier haben die 7mm-Kaliber noch „einen Trumpf im Ärmel“. Bei gleicher Masse sind die Siebner viel länger. Wird die Geschossspitze auf der Silhouette abgebremst, schiebt der Rest des Geschosses viel länger nach, bis der Geschossboden das Ziel erreicht hat. Die Einwirkung des Projektils im Ziel ist also länger als beim gleichschweren kurzen Revolvergeschoss.

Nehmen wir als Vergleich das 158grains Sierra im Kaliber .357 (Mag.) mit 16 mm Länge gegen das l60grains Speer Spitzer im Kaliber 7mm mit 31 mm Länge. Auch wenn der Unterschied schon 1:1,85 ist, sind die Vorteile noch weit höher als auf den ersten Blick ersichtlich. Das Revolvergeschoss erreicht höchstens 500m/s, während das 7 mm Geschoss problemlos 600 m/s Abschussgeschwindigkeit erreicht. Beim Revolvergeschoss mit seinem B.C. (Ballistic Coefficient) von  .151 entspr. cw = 0,77 kommen auf 200 m nur noch 280 m/s an. Das windschlüpfigere 7mm- Geschoss mit einem B.C. von .50 = cw 0,37 bringt noch 510 m/s ins Ziel. Die Einwirkungszeit wäre linear gerechnet bei beiden gleich. Kurzes Geschoss und langsamer Flug ergibt hier gleichviel (60 us) wie langes Geschoss und schneller Flug!

Das schlanke 7mm- Geschoss gibt jedoch nicht seine gesamte Energie an die Silhouette ab. Beim Stauchen platzt das Projektil durch die hohe Drehgeschwindigkeit von 2230 Umdrehungen pro Sekunde und ein Teil seiner Masse fliegt radial weg. Trotzdem ist in unserem Beispiel das 7mm-Geschoss ca. 50 % besser geeignet, denn das Kippmoment ist Masse mal Geschwindigkeit.

Elgin T. Gates der 1989 verstorbene Vater des Metallsilhouettenschiessens hat empirisch eine einfache Formel erarbeitet, die eine Voraussage erlaubt, mit welcher Ladung der Widder beim Wettkampf fällt.

 

KIPPMOMENT NACH  ELGIN T. GATES

V0 (in 1000 fps) x Geschoss-Masse (in 100 grains) / 2,25
Beispiel: V0 = 1500 fps, Masse = 160 gr. : 1,5 x 1,6 / 2,25 =  1,07
oder in den hier gebräuchlichen Einheiten:
V0 (in 100 m/s ) x Geschoss-Masse (in 100 grains) x  0,146
oder sogar ganz im metrischen System:
V0 (in 100 m/s ) x Geschoss-Masse (in gramm) x 0,0225

Auf die kritische 200 m-Distanz verringert sich diese Energie je nach Geschoss-Form und Geschwindigkeit nach komplexen Formeln.

Für die im Metallsilhouetten-Schiessen üblichen Kaliber und Ladungen (7mm bis .445 SM und V0 von 400-700m/s) reicht als Faustformel folgender Multiplikator:

Multiplikator 0,87 0,84 0,80 0,75 0,65 0,55 0,41
Ballist. Coeff. (BC) 0,6 0,5 0,4 0,3 0,2 0,15 0,1

 

 

Beispiel:
V0 = 650 m/s ; 150 gr.-Geschoss mit einem BC von 0.5 (Sierra-Handbuch)
Das ergibt ein Kippmoment beim Ram =  6,50 x 1,50 x 0,146 x  0,84 = 1,19

Laut Elgin T. Gates fällt der Ram halbwegs sicher bei einem Momentum von 1.
Steht der Ram mit Überhang (s.Roules) und wird in Rumpfmitte mit einem Kippmoment von 0, 5 getroffen, fällt er gerade noch.Gates empirische Untersuchungen bestätigen dann auch seine Einordnung der.357Mag als „zu schwach " und der 7mm T/C U als "ausreichend"!
Die Mündungs-Energie wird in unseren Einheiten mit V0 x V0 (m/s) x m (g) / 2000 = ... Joule, berechnet.
Wird die Geschwindigkeit vor der Laufmündung vorher mit dem Multiplikator laut obiger Tabelle multipliziert, kann die Energie bei einem 200m entfernten Ziel berechnet werden.  Der Multiplikator gibt die prozentuale Geschoss- Geschwindigkeit in 200m Distanz an.

Die Faustformel gilt in diesem Fall bei 7 – 9 mm Geschossen nur für Massen um 160 grains (10,5 g) und bei Cal..44 für 240 gr. (15,5 g).
Geringere Massen übertragen proportional weniger Energie-, höhere mehr!
Fürs Metallsilhouetten-Schiessen ist ein hohes Kippmoment bei nicht zu hoher Energie (Joule) ideal.  Letztere ergäbe unerwünschte Penetration.

Auch wenn sich diese Forderungen widersprechen, zeigen die Zusammenhänge, dass eine Reduktion der Geschwindigkeit bei Erhöhung der Geschossmasse den Forderungen entgegenkommt.  Die Flugbahn wird zwar etwas gekrümmter - dies lässt sich an der Visierung ausgleichen - die Windempfindlichkeit nimmt jedoch ab.

Dass der umgekehrte Weg nicht funktioniert, habe ich schon praktisch demonstriert: das leichte, schnelle Projektil der .223 Remington durchschlägt die Ziele glatt, ohne sie umzuwerfen!

Die leichteste Geschossmasse sollte, auch wegen Windeinfluss, möglichst höher als l45grains (ca. 9,5 g) liegen. Giat verwen­dete dieses Leichtgewicht in der  7 T/C U, die bald wegen Ineffizienz vom Markt verschwand und der 7 Bench Rest. 160 grains ist in der 7mm-Klasse meist ideal. Noch schwerere Geschosse hätten zwar Vorteile, werden jedoch von einigen Läufen nicht mehr einwandfrei stabilisiert.

Ohne jetzt auf Details einzugehen, habe ich folgende Graphik zusammengestellt:

( Siehe separates Blatt )

Beispiel : Das 7mm-Geschoss von Speer mit einer Masse von 160 grains ist 31 mm lang. Von einem Lauf mit 10“-Drall wird es nicht mehr sauber stabilisiert. Ein 9“-Drall muss also her, oder ein leichteres und somit kürzeres Geschoss.