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Wüthrich-Kipplaufpistole im Kaliber 7x49 GJW

 

erschienen im „Internationales Waffen-Magazin“ 4-1996:

Mit ihrer neuen Kipplaufpistole im vom Schweizer Metallsilhouettenschützen Guido J. Wasser geschaffenen Kaliber 7x49 GJW hat die renommierte Jagd- und Sportwaffenfabrik Walter Wüthrich in CH-3432 Lützelflüh eine Waffe mit wahrlich umwerfender Wirkung geschaffen.

von Martin Schober

Die Schweizer Jagd- und Sportwaffenfabrik Walter Wüthrich hat europaweit einen ausgezeichneten Ruf, vor allem wegen ihrer beeindruckenden Sicherheits- Blockbüchse. Auch die im IWM 3/93 vorgestellte einschüssige Kipplaufpistole mit Knopfdruckverschluss ist zu ei­nem Erfolg geworden, der Schweizer Metallsilhouetten- Schütze Guido J. Wasser hat damit immerhin an der Europameisterschaft und im Worldcup zwei Bronzemedaillen gewonnen.

Nun geht es beim Metallsilhouettenschießen aber nicht nur darum, sicher zu treffen, sondern auch die in 50 m, 100 m, 150 m und 200 m Entfernung aufgestellten, schweren Tiersilhouetten aus Stahlplatten umzuwerfen. In Anbetracht dessen, dass das «Chicken» (Huhn, 50 m, 4.2 kg schwer, 12.7 mm-Stahlplatte), das «Pig» (Schwein, 100 m, 12.3 kg schwer, 12.7 mm- Stahlplatte), der «Turkey» (Truthahn, 150 m, 11.8 kg schwer, 9.5 mm- Stahlplatte) und der «Ram» (Widder, 200 m, 23.2 kg schwer, 9.5 mm- Stahlplatte) recht standfeste Ziele sind, braucht es schon einiges an Auftreffenergie, um sie zu Boden zu bringen. Um dies sicher bewerkstelligen zu können, schuf Guido J. Wasser dafür eine spezielle Patrone, die heute in Metallsilhouettenschützenkreisen bereits recht populäre, nach ihm benannte «7x49 GJW». Er ging dabei von den deutschen randlosen 5.6x50 Magnum-Hülsen aus, deren Hülsenmund er zur Aufnahme eines 7mm-/.284"-Geschosses aufweitete. (Bei der Schwesterpatrone 7x49 GJW-R verwendete er die Randversion der 5.6x50 Magnum-Hülse - beide GJW- Hülsen werden übrigens seit 1992 als Wiederladerkomponenten von der Eidg. Munitionsfabrik Thun gefertigt, aus Messing und aus vernickeltem Messing.) Als Geschoss dient üblicherweise das 168 grs/10.9 g schwere Sierra HPBT Match King- Geschoss Nr. 1930. Als Treibmittel werden 27 grs/1.75 g Kemira N 135-Pulver verwendet. (Die Eidg. Munitionsfabrik Thun lädt eine eigene Laborierung, hier befinden sich hinter demselben Sierra- Geschoss 2.0 g des Treibladungspulvers FM 2290 der Eidg. Pulverfabrik Wimmis.) 

Nicht nur stark, sondern auch lang

Die 7x49 GJW ist nicht nur eine starke, sondern mit 75 mm Gesamtlänge auch eine recht lange Patrone. Als Guido J. Wasser der Waffenfabrik Wüthrich vorschlug, ihre Kipplaufpistole dafür einzurichten, war den Fachleuten aus Lützelflüh klar, daß sie dafür die ursprünglich auf das Kaliber .22 Hornet ausgerichtete Waffe umkonstruieren mussten. Mit der originalen Rah­mengröße war die Pistole maximal für die Patrone .357 Magnum einzurichten.

Neue Ausführung um Faktor 1.25 vergrößert

So wurde im Konstruktionsbüro der Fabrik die Waffe mit Hilfe eines CAD-Programms (CAD = Computer- Aided Design) um den Faktor 1.25 vergrößert. Das bedeutete, dass neben neuen Programmen für die CNC-Bearbeitungsmaschinen auch neue Kontrolllehren für die Wechselläufe und das Griffstück mit der Basküle hergestellt werden mussten. Die Laufrohlinge bezieht Wüthrich von Hämmerli, die  Patronenlager werden aber in Lützelflüh mit einer eigens dazu entwickelten, hochpräzisen Fräsmaschine eingefräst.

Neben der maßstäblichen Vergrößerung des ursprünglichen Modells wurden an der Wüthrich- Kipplaufpistole noch einige Verbesserungen vorgenommen. Dazu gehört eine Sicherung, die automatisch in Funktion tritt, wenn der Querriegel des Druckknopfverschlusses nicht voll in den Laufhaken des Kipplaufs eintritt. Diese automatische Sicherung verhindert ein Auslösen des Abzugs und das Abschlagen des Hammers.

Neu: fein einstellbarer Abzug
Als weitere Neuheit lässt sich an  der  Wüthrich- Kipplaufpistole jetzt der Abzug fein einstellen. Nach Abnahme der linken Griffschalenhälfte wird am Griffstück ein Gewindestift mit Kegelspitze, der mit einer Kontermutter gesichert ist, sichtbar. Sein konisches Ende bildet den Anschlag der Raste. Löst man die Kontermutter und schraubt den Gewindestift tiefer ein, resultiert ein feinerer Abzug. Schraubt man den Stift heraus, wird der Abzug härter. Um das Vorzugsgewicht des Abzugs zu ändern, muss die Schraubenfeder am Abzug ausgewechselt werden

Die Verriegelung
Die Verriegelung des Kipplaufs ist ab Werk eingestellt. Bei einem Laufwechsel kann der Querriegel am Laufhaken jedoch mittels eines Gewindestifts justiert werden. Bei abgekipptem Lauf wird der Endanschlag eingestellt, so dass der Verschluss kein Spiel aufweist, der Querriegel jedoch nicht klemmt. Das Einschrauben der Gewindeschraube bewirkt mehr Spiel, das Herausschrauben hebt es auf.

Ein Laufwechsel von einem Zentralfeuerkaliber zu einem Randfeuerkaliber (oder umgekehrt) ist bei der Wüthrich- Kipplaufpistole sehr einfach. Der Schütze kann bei diesem Wechsel keinen Fehler machen, da der Schlaghammer nicht umgestellt zu werden braucht und der Stoßboden auch nicht über zwei unabhängige Zündstifte verfügt, wie dies bei manchen Konkurrenzprodukten der Fall ist. Die Konstrukteure haben die Laufachse bei den Randfeuerläufen so nach unten verlegt, dass der Zündstift automatisch den Patronenrand trifft.

Bei der neuen Ausführung wurde auch das Verfahren bei der Herstellung des Griffstücks mit der Basküle vereinfacht. Dieser zentrale Teil der Pistole wird jetzt aus Gussstahl hergestellt. Die gesamte Oberfläche und die Passflächen werden dann mit CNC-Fräsmaschinen bearbeitet, um die Toleranzen so klein wie möglich zu halten. Der Vorteil dieser Methode gegenüber dem Fräsen aus vollem Material, eventuell einem Schmiedeteil, ist, dass nur noch wenig Matrial abgenommen werden muss und so Maschinenarbeitszeit eingespart werden kann.

Wie ist die neue Kipplaufpistole aufgebaut? Der günstige Griffwinkel von 107° und die leicht vergrößerte Form des altbewährten M1911 A1-Griffstücks wurden beibehalten. In der Basküle ist die Abzugsvorrichtung und der Druckknopf -Verschluss für die Verriegelung des Kipplaufs angeordnet. Die Pistole verfügt über einen außenliegenden Hammer, der als Ringhammer ausgebildet ist. Er erhält seine Schlagenergie durch eine von einer Stange geführten Schraubenfeder im Inneren des Griffstücks.

Kurze Zündzeit
Der Hammerschlag ist sehr kräftig, was sich in einer kurzen Zündzeit äußert. Außerdem werden so auch Patronen mit harten Zündhütchen oder Patronenrändern sicher und ohne Zündversager gezündet. Der Hammer ist ein Rückspringhammer, er springt nach dem Schuss automatisch in die Sicherheitsrast zurück. Der Zündstift ist beweglich im Rahmen gelagert.

Die Verriegelung des Kipplaufs erfolgt - wie bereits erwähnt - über einen Druckknopfverschluß. Dieser einfache, robuste und bedienungsfreundliche Verschluss wurde bis in die 1920er Jahre nicht nur bei Kunstschützenpistolen, sondern auch bei einfachen einläufigen Flinten verwendet. Der Öffnungsknopf des Verschlusses ist griffgünstig auf der linken Seite der Basküle oberhalb des Abzugs angeordnet und kann mit dem Daumen der rechten Schießhand ohne Umgreifen problemlos erreicht werden. Die Querachse des Öffnungsknopfes führt durch die Basküle hindurch und ist an ihrem anderen Ende als Längskeil (Querriegel) ausgebildet. Dieser Querriegel ist in einer Ausnehmung in der rechten Baskülenwand beweglich gelagert und steht konstant unter Federdruck. Bei der Verriegelung tritt dieser Querriegel zum Teil in eine seitliche Verriegelungsnut des kräftigen Laufhakens am Kipplauf. Ist der Druckknopfverschluss mit dem Querriegel nicht völlig geschlossen, sperrt die neue, auf die Abzugsstange wirkende automatische Sicherung den Abzug.

Druckknopf auf der linken Baskülenseite

Zum Öffnen des Kipplaufs muss der Querriegel mittels des Druckknopfs auf der linken Baskülenseite aus der Verriegelungsnut des Laufhakens gedrückt werden - er tritt da­bei gut sichtbar einige Millimeter aus der länglichen Ausnehmung in der rechten Baskülenwand heraus und gibt den Lauf frei, der zum Laden um ca. 20° nach unten abgekippt werden kann. Die im Patronenlager befindliche Hülse (oder Patrone) wird mit Hilfe eines links am Laufende angeordneten, kräftigen Ausziehers ausgezogen. Der Auszieher hat für Randpatronen eine Kralle, die ca. 1/5 des Innenrandes der Hülse umgreift. Für randlose Patronen mit Auszieherrille steht der Auszieher unter Federdruck; beim Einführen  einer randlosen Patrone ins  Patronenlager schnappt die gefederte Auszieherkralle in die Ausziehrille der Patrone ein. Der Weg des über einen Nocken an der Kipplaufachse gesteuerten Ausziehers beträgt rund 5 mm. Da das Patronenlager sauber gehont ist, können die Hülsen nach jedem Schuss mühelos ausgezogen werden.

Der kastenförmige Monoblock, der das hintere Ende des 381 mm- Kipplaufs bildet (maximal gestattete Lauflänge für Silhouettenpistolen der Unlimited Class), trägt vorn an seiner Unterseite das großzügig dimensionierte Lagerauge für die Schwenkachse. Hinten am Monoblock befindet sich der kräftige Laufhaken. Der Monoblock und der Laufhaken sind aus vollem Material herausgefräst. Oben auf dem Monoblock ist hinten eine allseitig verstellbare, von Wüthrich verbesserte LPA- Visierung mit präziserer  Höhenverstellung und quadratischem Kimmenausschnitt (2x2 mm) montiert. Zum Schutz gegen seitlich einfallendes Licht kann über der Kimme ein Schutztunnel angebracht werden. Auf der Oberseite des Monoblocks ist eine Schwalbenschwanzschiene zur Befestigung einer optischen oder elektronischen Zielhilfe eingefräst.

370 mm Visierlinie
Hinter der Laufmündung befindet sich in einem Anschütz-Korntunnel das auswechselbare, 2.5 mm breite Balkenkorn. Der Korntunnel wurde absichtlich verkehrt herum montiert, damit zusätzliche 10 mm Visierlinie hinzugewonnen werden konnten. Damit kommt die Wüthrich- Silhouettenpistole auf eine Visierlinie von 370 mm; gestattet sind in der Unlimited Class 381 mm.

Der Abzug der von uns getesteten Wüthrich- Pistole im Kaliber 7x49 GJW war sehr fein eingestellt. Er löste ohne jedes Kriechen bei nur 380 g aus. Bei Silhouettenpistolen, deren Hammer erst in Schussposition gespannt werden darf, ist dies zulässig. Für andere Schießdisziplinen muss das Abzugsgewicht aus Si­cherheitsgründen höher eingestellt werden. Bei der Wüthrich- Pistole kann es mittels einer Verstellschraube  im Griffstück zwischen ca. 300 und 1500 g einjustiert werden. Die Pistole verfügt außer der Sicherheitsrast am Hammer und der automatischen Hammerrückspringfunktion über keine weitere manuelle Sicherung. Will man den Hammer entspannen, muss man das wie bei einem Single Action- Revolver mit dem Daumen via Hammer und Abzug tun.

Die Wüthrich- Silhouettenpistole bringt ca. 1.750 kg auf die Waage. In der Unlimited Class ist ein maximales Waffengewicht von 4.5 lbs/2.043 kg zulässig.

Die Wüthrich- Pistole ist eine sehr elegante Waffe. Die Stahloberflächen sind schwarz bronziert, der Abzug, der Ringhammer und der Knopfdruckverschluss mit dem Querriegel sind strohgelb angelas­sen, gehärtet und vergütet. Die Griffschalen und der span­nungsfrei angebrachte Vorderschaft am Kipplauf sind aus ausgesuchtem Nußbaumholz hergestellt und durch Schaftöl vor Witterungseinflüssen ge­schützt. Griffschalen und Vorderschaft sind auf Wunsch (und gegen Aufpreis) in ver­schiedenen Ausführungen erhältlich, z. B. mit Verschneidungen.

Diverse Ausführungen
Neben der hier beschriebenen Silhouettenausführung ist die Wüthrich- Kipplaufpistole auch in einer Normalausführung für andere Schießdisziplinen erhältlich. Sogar ein Achtkantlauf ist (gegen Aufschlag) vom Werk lieferbar. Zurzeit umfasst die lieferbare Kaliberpalette folgende Rand- und Zentralfeuerkaliber: .22 L.R., .22 Magnum, .22 Hornet, K-Hornet, .222 Remington, .223 Remington (GP 90), 5.6x50R, 9 mm Luger, .38 Special, .357 Ma­gnum, .44 Magnum, 7x49 GJW und 7x49 GJW-R. Andere Kaliber auf Anfrage.

Die Gelegenheit, eine Wüthrich- Silhouettenpistole im Ka­liber 7x49 GJW zu testen, wie sie Guido J. Wasser bei den Wettkämpfen benutzt, nahm das IWM natürlich gerne wahr. Leider konnte mangels eines geeigneten Schießplatzes nicht über die volle Metallsilhouettendistanz, sondern nur auf 50 und 100 Meter geschossen werden. In Rückenlage mit am Unterschenkel angestrichener Pistole (Creedmore- Stellung) konnten je­doch auf 50 m 5-Schuß- Gruppen von weniger als 25 mm, und auf 100 m gar 10-Schuß- Gruppen von 30 mm Durch­messer erreicht werden.

Die Patronen mit 168 grs-Match King- Geschossen von Sierra vor 27 grs Kemira- Pulver N-135 erbrachten aus dem 381 mm langen Lauf der Wüthrich- Silhouettenpistole Mündungsgeschwindigkeiten von durchschnittlich 687 m/s. Das entspricht einer Mündungsenergie von 2569 Joule und muss durch einen Rückstoß von ca. 26 Joule erkauft werden. Aber schließlich bringt dieses Kaliber aus einer Pistole mit 1570 Joule auf 200 m noch ungefähr die gleiche Energie auf, wie sie ein Sturmgewehr 90 an der Mündung auf­weist...

Schaft erhältlich
Der Preis der hier beschriebenen Silhouettenpistole der Unlimited Class hält sich mit Fr. 1900.- im Rahmen. Die Standardausführung ist sogar für Fr. 1600.- erhältlich. Ein Wechsellauf für die Silhouettenausführung mit verbessertem LPA- Mikrometervisier und Anschütz- Korntunnel ist für Fr. 900.- zu haben, ein Standardlauf kostet Fr. 690.-. Für die Pistole ist auch ein Anschlagschaft und eine Prismenplatte zur ZF-Montage zu bekommen, dann kann man die Pistole in ein präzises Gewehrchen verwandeln und es dort, wo es gestattet ist, z. B. zum Raubzeugabschuss verwenden.