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Supersonic

Publiziert in CALIBER Juli 2000

SILHOUETTEN - Super-Revolver im Kaliber .300 WP

Supersonic 

Schon lange Zeit wurde in der Silhouetten- Szene über einen Superrevolver gemunkelt. An der WM 98 waren detaillierte Pläne und eine unkonventionelle Patrone dafür aufgetaucht. An der EM 99 existierte schon ein Prototyp, der serienreif aussah. Die erste Kleinserie wurde an der tschechischen Meisterschaft geschossen und jetzt ist die Waffe auch im Westen erhältlich.

Mitte der 90er Jahre konzipierte der Schweizer Silhouetten-Guru Guido J. Wasser eine Patrone, die er 7,5 x 42 Revolver nannte. Sie war für Rahmen der SuperMag-Klasse bestimmt. Für die praktischen Versuche baute er einen DanWesson um. Nachdem Ruger seine Produktion dieser grossrahmigen Modelle einstellte und der Nachfolger von Dan,  Wesson Arms wirtschaftlich auch nicht allzu stabil war, versuchte er, Marialaura Uberti im italienischen Ponte Zanano di Sarezza, zur Produktion eines passenden Revolver zu animieren. Ihre Firma hatte einen Prototypen vorgestellt, der unter Kennern als Casull-Kopie galt.

Die Basishülse seiner Patrone war eine .45-70, die den grössten Durchmesser unter den bezahlbaren Randpatronen hat. Nach einem 40 Grad-Winkel folgt der enge Hals mit dem 30er Geschoss. Sie sieht aus, wie einen vergrösserte 7 BR mit steilerer Schulter und Rand. Entstanden war sie aus der Erkenntnis, dass in den Silhouetten-Wettkämpfen die Revolverschützen wesentlich schlechtere Resultate erreichen, als die selben Leute mit Silhouetten-Pistolen.

 

Zwei Gründe sind vor allem dafür verantwortlich:

1. Übliche Revolvergeschosse mit den typischen flachen Nasen bieten weit mehr Luftwiderstand als die spitzen, langen Projektile der Silhouetten-Pistolen. Dadurch geht nicht nur viel Energie verloren, sondern lediglich die Hälfte der Flugstrecke wird im Überschallbereich zurückgelegt. Schon beim Truthahn - der schwierigsten Silhouette - ist das Geschoss auf den Transschallbereich abgebremst worden. Dort stört die turbulente Strömung die ballistische Bahn immens und der Strömungswiderstand erreicht sein Maximum. Bis zum Widder bewegt es sich immer langsamer, um dort mit Unterschall einzuschlagen
Ist der Streukreis bis 100 m noch so gut wie bei den Pistolen (zumindest bei Windstille), vergrössert er sich danach überproportional. Dies sehen geübte Spotter sogar als Knick in der Flugbahn.

2. Aus dem hohen Luftwiderstand und der geringen Querschnittsbelastung herkömmlicher Revolvergeschosse resultiert ein schlechter ballistischer Koeffizient (B.C.). Somit sind sie weit mehr durch den Wind beeinflussbar, als bei den konkurrierenden Pistolen. Wieviel Prozent der Anfangsgeschwindigkeit nach 200 Metern beim Widder noch ankommt, zeigt folgende Übersicht:

Ballist. Coeff. (BC) 0,6 0,5 0,4 0,3 0,2 0,15 0,1
Geschwindigk. V200 (%) 87 84 80 75 65 55 41

 

Bei einem BC von 0.5 schlägt das Geschoss nach 200 m Distanz somit noch mit rund 84 % der Anfangsgeschwindigkeit ein, bei einem BC von 0.15 sind es jedoch nur noch 55 Prozent!
Man muss ein Revolvergeschoss mit deutlich mehr Energie abfeuern, damit es mit der selben Energie auf den Widder trifft. In der Praxis ist die Differenz etwa 50 Prozent (85/55). Der Rückstoss ist natürlich auch entsprechend höher.

Noch kritischer ist die Windempfindlichkeit. Wettkämpfe mit Seitenwind um 10 m/s sind keine Seltenheit. Da muss mit einer Silhouetten-Pistole in den typischen 7 mm-Kaliber BR, GJW oder TCU auf die Brust des Ziels angehalten werden, um etwa mittig zu treffen. Mit dem Revolver muss man dann auf die zweite Silhouette zielen, um die erste zu treffen. Dies geht jedoch nur, wenn der Wind von rechts kommt. Kommt er von links, liegt der Haltepunkt auf dem Ziel davor, das man soeben weggeschossen hat!

In der Praxis driftet ein .44 Mag.-Geschoss rund dreimal mehr ab als ein 7 mm-Geschoss. Ein Revolver mit den typischen Gewehrgeschossen, wie sie in Silhouetten-Pistolen verwendet werden, müsste grosse Vorteile im Wettkampf bringen.

Die Italiener liessen sich von den Vorzügen jedoch nicht überzeugen und so verschwanden die Unterlagen in den diversen Waffenschmieden im Val Gardone. Auch Ubertis Casull-Kopie ward fortan nicht mehr gesehen, bis sie dann anfangs 2000 wieder auftauchte, jedoch nicht als Silhouetten-Modell.

Nach Wassers Vortrag über die theoretischen Grundlagen der Neukonstruktion am "International meeting on low frequency noise & vibration" 1998 in Budapest interessierte sich der US-Akustiker Sam Goldstein für die Hintergründe. Als sich dann der tschechische Spitzenschütze Ivo Picek vom Konzept überzeugen liess, baute dieser den ersten Prototypen für die Patrone. Goldstein brachte seine Erfahrung mit Laufschwingungen ein und so entstand eine der wenigen Single Actions, dessen Ladeklappe links angeordnet ist. Samuel Colt und Bill Ruger hatten die Patronenzufuhr rechts konstruiert, denn schliesslich waren beide Linkshänder.

Das Patronen-Lager wurde als Schulteranlieger konzipiert, sodass kein Rand mehr nötig war. Picek benutzte nun die überall billig erhältliche .308 Winchester als Basishülse und Wasser die 7,5 x 55 Swiss. Letzteres nicht nur aus patriotischen Gründen, sondern weil der Durchmesser das maximal Mögliche aus der Konstruktion herausholt. Ab 12,7 mm Durchmesser kommen die Hülsen mit dem Transportstern der Trommel in Konflikt und die Schweizer misst gerade mal 1/10 weniger.

Vorbild für die Berechnungen war die bewährte 7 GJW, eine schlanke Pistolenpatrone, die bei der letzten IMSSU-Europameisterschaft schon Platz 2 der häufigst eingesetzten Patronen in der Unlimited-Disziplin erreichte. Die ursprüngliche Hülse der 7,5 x 42 Revolver hatte in der Supermag-Tommel genausoviel Pulvervolumen. Für die .308 als Basis verlängerte Picek die Trommel um 5 mm, die jetzt exakt 60 mm misst. So passt sogar noch etwas mehr Pulver rein, um die Verluste im Trommelspalt zu kompensieren.

Schon an der WM 1998 im finnische Sipoo wurde die Patrone und Konstruktionszeichnungen des Revolvers diskutiert. Die anwesenden Schützen tauften das Konzept "Supersonic" (Überschall).

So hiess dann der Revolver offiziell, als das Serienmodell Mitte 99 erstmals in einem Wettkampf geschossen wurde. Die Laborierung bestand aus 33 grains AA 2230 hinter dem Sierra Matchking von 168 grains. Damit wird eine V0 von 550 m/s erreicht. Auf 200 m Distanz bleiben davon noch 425 m/s übrig, was knapp 1100 Joules Energie entspricht. Eine .44 Magnum schafft auf diese Distanz gerade mal 800 Joules. Dabei liegt der Rückstoss rund ¼ höher.

Bei unseren Versuchen war der Rückstoss beim Supersonic spürbar geringer, da die Laufmasse weit höher als bei herkömmlichen Revolvern ist. Nach Goldsteins Erkenntnissen wurde für die Trommel eine hochfeste Titanlegierung von Sardec verwendet und die gesparte Masse dem Lauf spendiert. Nun ist er 20 mm dick. Das ergibt einen weit nach vorne verlegten Schwerpunkt und deutlich weniger Laufschwingungen. Der Spotter konnte sofort sehen, dass die Flugbahn wesentlich flacher war, als sonst von Revolver gewohnt.

Um Antriebsverluste im Trommelspalt gering zu halten, verfügt dieser über eine dynamische Dichtung. Sie ist so wirkungsvoll, dass ich den Revolver ohne Beinschutz schiessen konnte. Die Jeans hatten nach 5 Schüssen lediglich Schmauch und beim Schuss war ein leichtes Zwicken am Bein zu spüren. Die Widder auf 200 m fielen zuverlässig, auch bei tiefen Treffern. Faszinierend war vor allem die deutlich reduzierte Windempfindlichkeit. Bei starkem Wind von links drifteten die Treffer auf dem Widder vom Zentrum bis höchstens zur Brust ab. Der Nebenmann mit einem .44 Mag Revolver schoss öfter mal rechts am Widder vorbei. Seine Schwankungen betrugen rund das Dreifache – so breit wie der ganze Widderrumpf.

Das Visier stammt von Sardec und verfügt über die exakte schweizer Wiederholgenauigkeit. Eine Umdrehung der Höhenschraube ist in zehn Klicks unterteilt, wobei pro Klick eine Treffpunktverlagerung von 2 cm auf 100 m resultiert – genauso wie bei Sardecs Production-Pistole. Damit kann beim Shootoff exakt auf ein Hühnchen in 200 m Distanz eingestellt werden.

Flaschenhülsen in Revolvern sind berüchtigt: Beim Druckaufbau stützen sie sich gegen den Stossboden ab und lassen den Rahmen auffedern. Nach dem Schuss federt dieser zurück und die abgefeuerte Hülse verklemmt sich zwischen Schulter und Stossboden. Danach lässt sich die Trommel nur noch schwer drehen. Beim Supersonic ist die Rahmenbrücke 23 mm breit und 12 mm dick. Deren hohe Steife verschiebt das Auffedern in Bereiche, die Picra als unzulässig erklärt. Im Klartext: Mit Silhouetten-Ladungen, die den Widder sicher fällen, lässt sich die Trommel problemlos drehen. Wer Monsterladungen versucht, liegt über dem maximal zulässigen Gasdruck und wird durch eine klemmende Trommel gewarnt.

Für Revolver-Puristen entwickelte G.J. Wasser die „.450 GJW“. Da können sich Freunde des grossen Bums austoben. Die zylindrische Hülse federt nach dem Schuss zurück und kann sich nicht verklemmen. Allerdings ist sie nicht zum Silhouetten-Schiessen gedacht, denn der Rückstoss ist horend. Esko Lempola, der zweifache finnische Viceweltmeister meinte, er könne damit höchstens zehn präzise Schüsse abgeben – pro Tag! Die Hülse ist 50 mm lang und fasst gut 65 % mehr Pulver als die .454 Casull (mit 260 gr.-Geschoss).  Ein 300 grains Geschoss produziert bis zum dreifachen Rückstoss der Silhouetten-Ausführung. Auch Wasser bezeichnet diese Variante lediglich als „Ende der Fahnenstange“. Zum Silhouetten-Schiessen möchte er dieses Monster nicht einsetzen.

Die Trommel ist für ein langes Leben ausgelegt. Bei beiden Patronen liegt die Wandstärke zwischen den Kammern und nach aussen bei 4,5 mm. Die verwendete Titanlegierung verfügt über eine gut doppelt so hohe Festigkeit wie Reintitan, aus dem die bekannten Titanrevolver bestehen. Wer dagegen die 1,6 mm Wanddicke eines Ladysmith dagegenhält, weiss, was ich meine. Eine .357 Magnum ist schliesslich für den selben Druck zugelassen.

Im Wettkampf hinterliess der Subsonic-Revolver einen stabilen Eindruck.  Er lag ruhig in den üblichen Anschlägen; speziell bei „Dead Frog“. Der Rückstoss erinnerte an eine .357 Magnum, die jedoch nur 2/3 der Energie ins Ziel bringt. Die Streukreise lagen um 10 cm auf 200 m, wobei die Patrone sicher noch nicht optimal geladen war. Faszinierend für einen Revolver war der geringe Einfluss des Windes.

An der ShotShow 2000 tauchte dann auch noch eine italienische Variante eines Revolvers mit Flaschenhülsen von Lapua im Wildcat-Kaliber .30-357 auf. Die Patrone gleicht der .30 Picra aufs Haar. Diese gilt schon in der istole als etwas knapp. Dazu kommen die Verluste im Trommelspalt. Viel war jedoch über Patrone und Waffe nicht zu erfahren. Lediglich die Theorien, mit denen Wasser schon bei Uberti für sein neues Projekt geworben hatte, wurden propagiert. Ende Januar veröffentlichte die italienische Zeitschrift dann einen grossen Test, der zeigte, dass mit der Maximalladung in dem sogenannten Silhouetten-Revolver von Pietta ein Kippmoment von kaum 0.7 zu erreichen war. Da ein Momentum von 1.0 notwendig ist, um den Widder in 200 m zu fällen, dürfte der Zusatz „Silhouette“ südländischer Übertreibung zuzuordnen sein. Dazu wurden Höhenstreuungen von 7 cm auf 50 m angegeben. Damit sit der 30 cm hohe Widderrumpf auch nur noch mit Glück zu treffen. Da nützt es dann nicht viel, dass der Italiener für lediglich eine Million Lire zu haben sein soll. Auch diese rund 1000.- DM sind zu viel für einen Revolver, der von offensichtlich mehr nach Design entwickelt wurde, denn italienische Silhouetten-Schützen wurden in der Szene noch nicht gesichtet.

Der Supersonic von Picra ist jedoch ein ausgereiftes Modell, entwickelt von erfahrenen Spitzenschützen. Er könnte die Revolver-Disziplin revolutionieren.

Nachtrag: Ivo Picek schoss an der WM 2000 im australischen Brisbane mit dem Supersonic-Revolver das Maximum von 40 Treffern und das beste Ergebnis im Stechen. Dass ihm der WM-Titel nicht anerkannt wurde lag daran, dass der Revolver noch nicht ein Jahr auf dem Markt war. Damit entsprach er noch nicht dem „Production“-Status.

Text: Michael Wilke

 

Technische Daten

Hersteller: Picra, Böhmen
Modell: Supersonic
Kaliber: .300 WP oder .450 GJW
Trommelkapazität: 5 Patronen
Trommeldurchmesser: 47,5 mm
System: Single Action rechtsdrehend, Ladeklappe links
Lauf: 10 ¾ “ / 272 mm Länge
Visierlänge: 335 mm
Visierung: Verstellbares Mikrometer-Visier und wechselbares Korn, Kimmen- und Kornschutz
Abzugsgewicht: 600 g
Gesamtgewicht: 1.800 g
Abmessungen: 440 x 180 x 60 mm (LxHxB)
Preis: 4.500.- DM

 

Revolver-Munition im Vergleich

  .357 Magnum

.30-357AeT

.300 WP .44 Magnum
CIP max. (bar)

3200

? 3000 2800
  schwer mittel           max.        standard max.
Geschossmasse (gr.) 180 158 123 168 240 300
B.C. 0,23 0,20 0,28 0,46 0,175 0,2
V0 aus 10 3/4 in. (m/s) 500 530 500 550 480 440
E 0 (Joules) 1460 1440 995 1650 1790 1880
P max. (bar)         3100 3100 ? 3000 2300 2800
       
Rückstoss (%) 97 % 91 % 80 % 100 (Ref) 125 % 143 %
       
V200 (m/s)  348 348 360 443 312 321
Mach 1,05 1,05 1,09 1,34 0,94 0,97
E 200 (Joules) 708 620 525 1070 760 1000
       
Momentum (Gates 0,91 0,80 0,65 1,09 1,09 1,40
Windabw. b. 10 m/s (cm) 85 96 75 40 115 89
Windabw. in Prozenten 212 240 188 100 (Ref) 288 223